Gastbeitrag:
Reise in die Vergangenheit von Fabienne Aßmann
Am vergangenen Wochenende kamen die Besucher des Trierer Altstadtfestes in den einmaligen Genuss eines europäischen Jahrmarktkinos der Jahrhundertwende. Es handelt sich hierbei um ein grenzüberschreitendes Kooperationsprojekt der Cinémathèque de la Ville de Luxembourg mit dem Fach Medienwissenschaft der Universität Trier.

staunende Besucher des Wanderkinos [Photo: Christopher Monz]
Reise in die Vergangenheit
VON FABIENNE AßMANN
Wie in längst vergangenen Zeiten konnten die Besucher des Altstadtfests in Trier an diesem Wochenende ein Kinoereignis der besonderen Art erleben: ein buntes Filmprogramm im Wanderkinozelt. Vor 100 Jahren brauchte der Film öffentliche Vorführräume, ein Bedarf, der zunächst durch Wanderkinematographen gedeckt wurde. Ähnlich wie Wanderzirkusse, zogen diese von Stadt zu Stadt und zeigten eine Auswahl von Kurzfilmen, um das Publikum zu belustigen und die Unternehmerfamilien zu ernähren.
Dank des Gemeinschaftsprojekts der Cinémathèque de la Ville de Luxemburg, dem Fach Medienwissenschaft der Universität Trier und KINtop – Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films - wurde ein Wanderzeltkino im Stil des frühen 20. Jahrhunderts nachgebaut – Der Crazy Cinématographe –, welches der Internetgeneration von Heute einzigartige Einblicke in die damalige Kinowelt ermöglichte.
Allen Befürchtungen zu trotz war der Ansturm auf diese – in Europa bis dato einzigartige – Möglichkeit enorm: so gut wie jede Vorstellung füllte den Saal bis auf den letzten Sitzplatz. Das Anwerben der Schauspieler, die mit Frack, Zylinder, Mikrofon und Tröte auf der Außenbühne für Aufmerksamkeit sorgten, war fast überflüssig: die Menschen kamen in Scharen und warteten aufgeregt in einer langen Schlange – gespannt, was das Kino ihrer Urahnen zu bieten hatte. Aber war die Neugierde auf frühere Zeiten wirklich ausschlaggebend? Oder bewirkte die Tatsache, dass das Kinozelt neben den Fahrgeschäften der Kirmes und den Musikbühnen einfach eine neue, unbekannte Attraktion war diesen Ansturm? Der unerschwingliche Preis und Mundpropaganda werden sicher auch ihren Beitrag für den Erfolg der Veranstaltung geleistet haben – beeindruckend war die Resonanz in jedem Fall.

Der große Zampano & der hässliche Igor [Photo: Chr. Monz]
Wer nun in Nostalgie schwelgend ein romantisches altes Wanderkino erwartet hatte, wurde jedoch enttäuscht: auf den ersten Blick wirkte das Zelt und sein Vorbau wie eine Kirmesattraktion aus dem 21. Jahrhundert. Auch das Kleid der einzigen weiblichen Erzählerin – in quietsch rosa – hatte nichts romantisches, erinnerte eher an eine Dame aus einem lustigen Westernfilm.
Begleitet von Leierkastenmusik und dem Werben der Schausteller betrat man nun andächtig das Zeltinnere, nicht ohne den Gedanken einer Art Zeitreise in die Vergangenheit beizuwohnen.
Die schwarzen Zeltwände, die große helle Leinwand, der Holzdielenboden und die Bierbänke – all das sorgte für eine geheimnisvolle Atmosphäre, die man sonst nur aus Zirkuszelten kennt. Rasch suchte man sich seinen Platz, in der Hoffnung, einen mit guter Sicht erwischt zu haben, um auch ja alles mitzubekommen.
In freudiger Erwartung wird das Programmblatt studiert, Erwartungen mit dem Nachbarn ausgetauscht – lautes Tuscheln erfüllt den Raum. Endlich! Das Licht geht aus – Stille! Nur ein kurzer Moment, ein Augenblick später ertönt ein Rattern, ein buntes Bühnenbild mit seltsam tänzelnden Personen erscheint: Die Tulpen! Die Leinwand, die lebhafte Klaviermusik und die Stimmen der Schauspieler ziehen das Publikum vom ersten Moment an in ihren Bann. Die Kurzfilme werden auf herrlich amüsante Weise beschrieben und kommentiert. Sei es die „Delphinfigur“ des Schlangenmädchens oder die Bank „Schäbich Hall“, die ihre Hauptrolle in Der Dollarkönig hat. Auch der Idylle im Tunnel tat es keinen Abbruch, dass man den spanischsprachigen Monolog des Reisenden nicht verstand, das fulminante Ende bei dem der Vater anstatt seine Frau sein Kind auf das Popöchen küsst, sorgte für allgemeine Heiterkeit im Saal.
Viel zu schnell ging das Licht wieder an und das Spektakel war vorbei. Es hätte noch ewig so weiter gehen können. Niemals hatte man eine solch kurzweilige halbe Stunde von einem veralterten Programm aus dem frühen 20. Jahrhundert erwartet. Dass die begleitenden Erzählungen nicht immer ganz so lustig und passend waren, ist schnell vergessen. In Erinnerung bleibt ein faszinierendes, ja traumhaftes Filmerlebnis – eine Art Reise in die Vergangenheit.
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Hinweis: Weitere Aufführungen des Crazy Cinemathographe im Rahmen des Kulturhauptstadt 2007-Projekts in der Großregion:
Saarbrücken, 17.08.-19.08.2007, “50 Jahre Saarland - Landesfest”
Luxembourg, 23.08.-11.09.2007, Schueberfouer
Thionville, 21.09.-23.09.2007, Foire d’automne
Liège, 05.10.-21.10.2007, Foire de Liège
