Gedicht: Der Stein
Heute steht wiedermal ein Lesergedicht auf dem Blogprogramm. Veröffentlicht wird eins meines geschätzten Dichterkollegen Dominik Baudner, das ich nicht nur der Form wegen sehr originell finde. Um so formvollendet dichten zu können wie er, müsste meinereiner lange üben, ehe er es derart fliessen lassen kann, ohne der auszufüllenden Reimform geschuldet nachzudichten. Dominik kann jedenfalls auf artifizielle Formvarianten diverser Reimschemata zurückgreifen, welche er spielerisch von jeher internalisiert zu haben scheint. Des Dichters Handwerkszeug beherrscht der Gute par excellence. Da fällt mir ein, wie lange ich schon kein Gedicht mehr geschrieben habe. Wobei naja, also einen ganzen Monat ist es her.
- Der Stein
Ein Marmorstein wächst aus der Wand
gleichsam Korallen aus dem Riff
erwartet ächzend Meisters Hand
Geburt ist fortan Todesschliff
Der Erde ist er abgerungen
verlässt das schützend Mutternest
und wird alsbald zur Form gezwungen
denn er hält Bilderwerke fest
Gemeißelt durch bekannte Qual
in stummen Schreien abgefeilt
zerstört, gehackt zum Todesmal
zum Winteracker hingeseilt
Mit tiefen Rillen durchgeschunden
markiert er letzte Ruhestätt
bezwungen nur durch Eisenwunden
bewacht sein eigen Totenbett
In schwarz gekleidet immerzu
auf krummen Wiesen aufgebahrt
gefunden seine letzte Ruh
im nassen Moose zugescharrt
Dominik Baudner, November 2007