Gedichteturnus VI
- Liebeslied aus einer schlechten Zeit
Wir waren miteinander nicht befreundet
Doch haben wir einander beigewohnt.
Als wir einander in den Armen lagen
War’n wir einander fremder als der Mond.
Und träfen wir uns heute auf dem Markte
Wir könnten uns um ein paar Fische schlagen:
Wir waren miteinander nicht befreundet
Als wir einander in den Armen lagen.
in: Brecht, Bert [1982]: Gedichte über die Liebe. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, S. 177.
Ein sehr wahres Gedicht, wie ich finde. Sehr zugespitzt und pointiert ausgedrückt: es kann eine intensive Freundschaft zwischen Mann und Frau geben; die der Liebenden. Sie ist die Basis einer tiefen Beziehung. Und ohne diese freundschaftliche Basis ist Liebe wohl genauso vergänglich wie ein wechselnder Geschlechtsverkehr. Mit ihr jedesmal ein unvergessliches Erlebnis.
Am 5. August 2007 um 08:28 Uhr
Ich muss mich auf die Suche nach meiner Brecht-Literatur machen, eindeutig.
Aber hast du es als Gedicht über Freundschaft verstanden? Tönt es nicht traurigerweise furchtbar treffend über die Merkwürdige Pallette Menschlichen Verhaltens nach einer Affaire? Das Feststellen, das man nicht mehr hatte als die Momente in den Armen des Anderen, aber nicht das verweilen in dessen Gedanken und das man feststellt, das man genauso fühlte?!
Gedichte bieten immer so wunderbare Vorlagen, das jeder aus dem Schatzkästlein seiner mühevoll gesammelten Lebenserfahrung schöpfend, er anderes versteht.
Am 5. August 2007 um 15:38 Uhr
Bert Brecht, Max Frisch und Uwe Timm. Ihre Literatur hat mein Leben bereichert.
Nein, es ist kein Gedicht über Freundschaft. Je mehr Brecht und Frisch ich lese (im Rahmen meiner Hausarbeit schweife ich da allzu gerne ab
), desto klarer wird mir bewusst, wie einsam sich diese beiden großen Schriftsteller doch in ihrem L(i)eben gefühlt haben müssen.
Denn abgesehen von der einschlägigen Sekundärliteratur, die sowohl Bert Brecht als auch Max Frisch einen ausgeprägten Hang zu autobiographischen Geschichten und Gedichten attestiert, lese ich hier eine tiefe L(i)ebensmelancholie heraus. Es erinnert mich an eines meiner Lieblingszitate: “Schreiben ist kein Beruf, Schreiben ist so etwas wie eine Berufung zum Unglücklichsein” (Georges Simenon).
Solche Literatur wie im übrigen auch die Romane von Max Frisch (ich lese gerade Mein Name sei Gantenbein) können anscheinend nur entstehen, wenn man sich als Gast im eigenen Leben fühlt. Das paradoxe Schicksal dieser Schriftsteller, wie mir scheint…
Wie wahr, sehr schön formuliert!
Am 5. August 2007 um 16:23 Uhr
Als dann im Anschluss an deine Lektüre rate ich dir dich Frederic Beigbeders anzunehmen und mit ihm zu Lieben und zu Leiden. Wenn er schon heißt: “Die Liebe währt 3 Jahre” oh, da möchte man nicht mehr aufhören zu lesen auch wenns es schmerzvoll ist. In wie weit es autobiographisch ist vermag ich nicht zu sagen, aber alles was man schreibt trägt ja einen Teil des Schreibenden weiter…