Gedichteturnus X
Ab sofort soll er wieder regelmäßiger erscheinen: der Gedichteturnus. Wie gehabt als lyrisches Wort zum Sonntag. Heute mit einem Gedicht von Hans Erich Nossack anlässlich seines dreißigsten Todestages. Nossack, der in seinen Tagebüchern Zeilen wie diese vermerkte, be- vorzugte lebenslang ein wechselseitig oktroyiertes Außenseiterdasein:
- »Jeder Künstler ist ein geborener Junggeselle. Daran ändert nichts, dass gerade Künstler sich mehr als andere nach einem Zusammenleben mit einem anderen Wesen sehnen und dass sie gefährlicher darunter leiden, wenn ihnen das nicht gelingt.
Machen wir uns also nichts vor: das Junggesellentum ist aufrichtig und ebenso die Traurigkeit, die diese Form des Alleinseins weckt, ist aufrichtig, obwohl beides sich widerspricht.« - [Frankfurt] 20.2.1969
Der Dichter
Im Hafen lichten jubelnd sie die Anker.
Ein Schiff wohin? Von Hoffnung ist es schwer
nach heimatlicher Insel überm Meer.
Abseits am Ufer steh ich wie ein Kranker.
Krank, weil ich warte und mich nicht verschwende;
gefesselt, daß ich mir nicht selbst entflieh
noch mich dem Werk des Wirklichseins entzieh.
Ja, ich war krank, damit ich mich vollende.
Denn immer Einer sei bereit und rage
als rettend Mal im Raum, wenn vor der Frage
die grelle Zeit erblaßt: Was soll ich tun?
Fragt ich es auch? Vielleicht schrie ich im Traum.
Nur Echo wars. Der Wind fuhr durch den Baum.
Du darfst getrost in meinem Schatten ruhn.