Gedichteturnus XIV: “Der Brief aus Amerika”
Liest man ein Werk von Max Frisch, so beschleicht einen stets der Verdacht, dass man ein Eindringling in der von Frisch gedachten Szenerie ist. Er lässt Dich teilhaben an seiner Kunst der versteckten Klarsicht, seines stream of consciousness. Doch die Gedanken führen niemals hinter die von ihm errichtete Barriere; seine Technik scheint stets bedacht und gewillt, den Leser zu schonen, ihm die schwärzesten Abgründe zu ersparen. Man kann zwar hineinschauen, das Hineinfallen bleibt jedoch aus, ist es doch Frisch, der uns an die Hand nimmt und uns den Abgrund entlang führt.
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Ganz anderes bei Kafka. Er versucht uns gar nicht zu schonen, im Gegenteil, man ist bereits über die Klippe hinausgegangen und fällt in einen gähnenden Abgrund, der uns unweigerlich Zugriff auf das Innerste gewährt. Er schont uns nicht, er kaschiert nicht, er ist frei von jeglicher Hemmschwelle. Man könnte sagen: «Liest man einen Kafka, so ist es bereits zu spät zum Entkommen». Man begegnet dem inneren Pan, er führt einen tiefer und tiefer ins Labyrinth, in welchem der Leser eine leichte Beute des Minotaurus wird.
In meinem Gedicht habe ich versucht, Kafkas Gefühl der Isolation im Vertrauten am Beispiel des Gregor Samsas zu erläutern und nachzuvollziehen. Er steckt jedoch nicht, wie in Kafkas Erzählung, in einem Zimmer, vielmehr befindet er sich in jedem von uns. Er duckt sich jedoch meist heimlich weg, versteckt sich in dunklen Winkeln und kommt zum Vorschein, wenn man es am Wenigsten erwartet. Des Weiteren war mir Max Frischs Erzählung «Montauk» sehr hilfreich, verdichtet sich doch hier ein Mikrokosmos an Unausgesprochenem hinter glasklarer Sprache. Die Kombination ergibt den «Brief aus Amerika», den jeder schon mal erhalten hat, sei er real oder erdacht.
- “Brief aus Amerika”
Du schreibst einen Brief aus Amerika
Dein Land voller Honig und Duft
Ich schrieb einen Brief nach Amerika
Dein Samsa in Zimmersgruft
Von Worten hast Du genug gehört
kein Flehen und Betteln von mir
Von Worten habe ich zu wenig gehört
kein Lachen und Lächeln von Dir
Als Ei, so jung, so kanntest Du mich
als Spross eines Mutterweibs
als Ei, so schön, zerstörtest Du mich
und führtest mich in Deinen Leib
Dort drinnen in Deinem Schattengrab
begehrtest Du meine Gestalt
Dort drinnen in meinem Schattengrab
entsagtest mir jeglichen Halt
Die Worte weiß ich noch ganz genau
“Zum Käfer verurteil ich Dich”
Ich sagte Dir, das weiß ich genau,
“So sei es, vergiss mein nicht”
Ich schreib einen Brief nach Amerika
voll Hoffnung auf rettendes Land
Du schriebst einen Brief aus Amerika
zerstörtest das unsrige Band



Am 2. Dezember 2007 um 03:51 Uhr
Das beste Gedicht von Dir, was ich bisher gelesen habe, Dominik. Ich bin gespannt, wie meine Leser den “Brief aus Amerika” finden. Vielversprechende Impulse übrigens, mit denen Du das Ganze angefeaturet hast!
Am 9. Dezember 2007 um 11:56 Uhr
mag sein dass der comment hier unpassend ist, ist er zweifeldfrei, aber ich hab angst auf deinen blog zu kommen, weil mir die musik immer n riesenschreck einjagt! nicht weil sie doof ist, aber unerwartet und der ausmacher sooooo weit untern zu suchen ist..
Am 9. Dezember 2007 um 16:18 Uhr
hast recht, danke nochmals für den Hinweis. Problem ist bekannt. Kümmere mich heute mal drum. Jukebox kommt weiter nach oben…
Am 9. Dezember 2007 um 16:26 Uhr
Der Breif aus Amerika ist tatsächlich ein sehr schöner und vermutlich auch der bisherige Höhepunkt des Gedichteturnusses.
Mir gefällt vor allem die zweite Strophe. Sie ist so zeitlos und universal.
Mehr davon. Ab jetzt bin ich ein erklärter Fan vom Gedichteturnus.