Tagebuchnotizen, die das Leben schreibt

Max Frisch: Tagebuch 1946-1949Max Frisch

»Du bist nicht«, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte: »wofür ich dich gehalten habe.«

    Und wofür hat man sich denn gehalten? Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.

    […] Irgendeine fixe Meinung unsrer Freunde, unsrer Eltern, unsrer Erzieher, auch sie lastet auf manchem wie ein altes Orakel. Ein halbes Leben steht unter der heimlichen Frage: Erfüllt es sich oder erfüllt es sich nicht. Mindestens die Frage ist uns auf die Stirne gebrannt, und man wird ein Orakel nicht los, bis man es zur Erfüllung bringt. Dabei muss es sich durchaus nicht im geraden Sinn erfüllen; auch im Widerspruch zeigt sich der Einfluss, darin, dass man so nicht sein will, wie der andere uns einschätzt. Man wird das Gegenteil, aber man wird es durch den andern.

In: Frisch, Max [1981]: Tagebuch 1946-1949. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, S. 31ff.

2 Reaktionen zu “Tagebuchnotizen, die das Leben schreibt”

  1. Francesca

    Er schrieb aber auch das hier:
    Max Frisch: Du sollst dir kein Bild vom anderen machen
    “Du sollst dir kein Bildnis machen. - Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lang Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben. Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt - nur die Liebe erträgt ihn so.”
    Max Frisch, Tagebuch 1946-1949, Frankfurt 1962, 31.

  2. Jowinal

    Und er bat ums hermeneutische Lesen in der vorgegebenen Reihenfolge wie der Vorbemerkung zu seinem Tagebuch zu entnehmen ist:
    “Der Leser täte diesem Buch einen großen Gefallen, wenn er, nicht nach Launen und Zufall hin und her blätternd, die zusammensetzende Folge achtete; die einzelnen Steine eines Mosaiks, und als solches ist dieses Buch zumindest gewollt, können sich allein kaum verantworten.”

    @Francesca: da die von mir zitierte Passage aus dem Tagebuch auf diejenige von Dir folgt, relativiert dies meines Ermessens das Vorangestellte dahingehend, dass es “keine Hoffnung [gibt], daß wir uns selber nachholen und einen Augenblick unseres Lebens verbessern können. Wir sind das Damals, auch wenn wir es verwerfen, nicht minder als das Heute –

    Die Zeit verwandelt uns nicht.

    Sie entfaltet uns nur.”

    Und weiter: “Indem man es nicht verschweigt, sondern es aufschreibt, bekennt man sich zu seinem Denken, das bestenfalls für den Augenblick und für den Standort stimmt, da es sich erzeugt. Man rechnet nicht mit der Hoffnung, daß man übermorgen, wenn man das Gegenteil denkt, klüger sei. Man ist, was man ist. Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heißt: sich selber lesen.”

    Max Frisch, Tagebuch 1946-1949, Frankfurt 1981, 20-21.

    Die Seismographen-Metapher zeichnet meiner Meinung nach sehr treffend den Gefühlszustand nach, in dem sich Max Frisch befunden haben muss. Der Ausschlag ist in Form des beschriebenen Papieres nachlesbar. Allein ihn in seiner entstandenen Ambivalenz zu begreifen, darin liegt wohl der melancholische Reiz dieser so bereichernden Tagebücher Frischs.

Einen Kommentar schreiben

du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.