Barack Obama: ein Demokrat mit Visionen
- «Sie behaupteten alle, dieser Tag würde nie kommen. Sie sagten, wir griffen zu hoch, das Land sei zu polarisiert. Aber in dieser Januarnacht, in diesem geschichtlichen Moment, habt ihr vollbracht, was die Zyniker für ausgeschlossen hielten. Ihr habt gezeigt, was in fünf Tagen in New Hampshire möglich ist, und was Amerika in diesem Jahr 2008 schaffen kann: Der Wechsel in Amerika steht vor der Tür!»
Obama zitiert nach Frankfurter Rundschau vom 05.01.08, S. 2
Die politische Kultur der Vereinigten Staaten von Amerika macht die Kandidatur eines Hoffnungsträgers wie die des Senators aus Illinois derart erfolgversprechend. Gerade in dieser demokratietheoretischen Perspektive können wir meines Ermessens noch viel von den USA lernen. Was einst mit den Kandidaturen der Kennedys in den Staaten verbunden wurde: die Vision eines weltoffenen, dialoggewillten und friedlichen Amerikas.
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Visionen in der politischen Debatte sind sicherlich nicht alles. Jedoch könnte im Umkehrschluss formuliert werden, dass Politik ohne Visionen nahezu nichts ist. Denn wer wirklich gestalten möchte, der muss über den Tellerrand hinausschauen. Ein ganzheitliches Verständnis von Politik bedeutet für mich, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Allerdings auch, und insbesondere, sie auf einem Weg zu begleiten, der denn auch weit vielversprechender erscheint als in konservativen, ordoliberalen Denkstrukturen verhaftet zu bleiben. Barack Obama und sein Menschenbild ist ein Vorbild für eine gesellschaftliche Integration, wie ich sie mir auch in Deutschland wünsche.
Angela Merkel und Roland Kochs Deutschländerstunde polarisieren dieser Tage mit einer bezeichnenden Sprache, wenn es um Integration geht: «Ich bin der akzeptierte Sprecher einer schweigenden Mehrheit von Deutschen». Das sind Sie mit Sicherheit, Herr Koch. Es ist nur höchste Zeit, dass Ihnen und Ihrer integrationshemmenden Politik jemand in der politischen Debatte gegenübertritt, der Weltoffenheit, Menschlichkeit und den multikulturellen Dialog glaubwürdig und medienwirksam (beides schliesst sich nicht aus, auch wenn das immer gerne aufs Neue propagiert wird) verkörpert. So jemanden vermisse ich bisweilen in der deutschen Politik. Vergessen ist indes nicht Kochs und Merkels Politik der sozialen Kälte anno 2005 und des populistischen Ausgrenzens à la “Wo kann man hier gegen die Ausländer unterschreiben?” anno 1999, und wie es auch jetzt wieder im Hessischen Wahlkampf 2008 als unterschwellig gern gedachtes politisches CDU-Credo salonfähig wird. Integration wird im Alltag gelebt. Wer einmal Einzelschicksale miterlebt hat (und nur hiervon lässt sich annähernd auf das große Ganze schliessen), der wird fortan differenzierter in seinen Äußerungen zu Asyl-, Integrations-, Migrations- und Bürgerrechtpolitik sein und Lösungskonzepte erarbeiten, die näher an der Lebenswirklichkeit der Menschen sind. Einer diesseits der Stammtische bis in die Debattenkultur der C-Parteien verbreiteten Xenophobie kann nur insofern beherzt entgegengetreten werden, als dass “Kochs deutschtümelndem Thesenpapier für mehr Moral und Disziplin” (FR vom 04.01.08) eine klare politische Absage erteilt wird. Die Bürgerinnen und Bürger in Hessen haben hierzu am 27. Januar 2008 eine hervorragende Gelegenheit und können beweisen, dass die Mehrheit der Menschen von Kassel bis zum Odenwaldkreis, vom Rheingau-Taunuskreis bis Fulda die Politik eines geistigen Brandstifters wie die ihres momentanen Ministerpräsidenten ablehnt. Was hierzulande derweil fehlt sind überzeugende politische Kandidaturen interessanter Persönlichkeiten, die jenseits der benötigten sachpolitischen Kompetenz auf dem aalglatten Politparkett eine ganz andere soziokulturelle Erfahrung mitbringen, beispielsweise die eines Barack Obama in den USA:
- «Geboren 1961 in Honolulu, auf Hawaii, Sohn eines kenianischen Gaststudenten und einer Weißen aus Kansas, die ihn für vier Jahre mit nach Indonesien nahm, später Student an der Elite-Uni Harvard, Sozialarbeiter und Bürgerrechtsanwalt in Chicago»
(zitiert nach FR vom 03.01.08, S. 2)

Am 7. Januar 2008 um 13:26 Uhr
Wieso ist der ein “Vorbild für eine gesellschaftliche Integration, wie ich sie mir auch in Deutschland wünsche.”? Der wurde auf Hawaii geboren, seine Mutter is aus Kansas und sein Vater stammt zwar aus Kenia, hat aber auf Hawaii studiert. Für mich gibts da nich großartig was zu integrieren.
Am 7. Januar 2008 um 14:37 Uhr
Meines Ermessens versteht jemand wie Barack Obama qua seiner Biographie und seiner multikurellen Sozialisationserfahrungen es besser, die Sorgen und Nöte von Menschen mit Migrationshintergrund im politischen Diskurs zu vertreten als das leider bei manchen politischen Entscheidungsträgern wie beispielsweise bei Roland Koch hierzulande zu beobachten ist. Pointiert und sehr zugespitzt möchte ich sagen: auch unserer Land braucht mehr Obamas und weniger Kochs!
Am 8. Januar 2008 um 04:11 Uhr
Sind das nicht auch Oberflächen, die Medien uns zeigen? Gut oder weniger gut gemachte Charaktere, vor eine Kamera gesetzt von einem guten oder weniger guten Team.
Mir zeigt die Geschichte, daß ich Menschen die den Mund weit aufmachen mit Vorsicht genießen sollte (gerade wenn sie ihre Meinung wechseln). Und was Kennedy unterm Strich geleistet hat - mich haut das nicht um.
Aber: Guten Tag erst einmal schönes 2008
Am 8. Januar 2008 um 08:39 Uhr
@Björn: mit Sicherheit spielt die Medienrealität mit ihrer eigenen Logik heute im politischen Diskurs eine übergeordnete Rolle. Telegenität ist beispielsweise neben Rhetorik und Charisma zu einem mitunter alles entscheidenden Faktor avanciert. Das mögen Du und ich gut heißen oder auch nicht - es scheint faktisch so zu sein. Begeisterungsfähigkeit von Politikkonzepten kommt hinzu. Angela Merkel hätte wohl im US-Präsidentschaftswahlkampf qua ihrer Persönlichkeitsstruktur kaum eine Chance. Ihr heftet das Image der Ministerialbürokratin an, die zwar im Diskurs durchaus mit guten Argumenten ihre Gesprächspartner für sich gewinnen mag, jedoch kaum Begeisterung für ihre Ziele auslöst. Dieses Schicksal ereilt gerade Hillary Clinton in den Primaries.
Die Kandidaturen von John F. Kennedy und dessen Bruder Bobby haben die politische Kultur der USA dergestalt verändert, als dass die Bürgerrechtpolitik der Kennedy-Administration ernsthaft bemüht war, die Aufhebung der Apartheid zu befördern. Dass hierbei auch Fehler und Rückschläge gemacht wurden, steht für mich heute außer Frage. Ein Republikaner im Weißen Haus hätte sich gleichwohl im Hinblick auf sein Wählermilieu nicht für die gleiche Bürgerrechtpolitik stark gemacht, auch das dürfte rückblickend mehr oder minder unumstritten sein.
Was die politische Kultur in der jungen Bundesrepublik angeht, so hat auch hier ein - obschon im Vergleich zu den USA (Kennedy, 1960) verspäteter - Wandel stattgefunden. Mit der Wahl Willy Brandts, des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, zum Außenminister (1966) und späteren Bundeskanzler (1969) hielten in die deutsche Politik verstärkt kulturelle, künstlerische und emotionale Einflüsse Einzug, was an den breiten gesellschaftlichen Wahlinitiativen für Willy Brandt zu beobachten war. Brandt begeisterte die Menschen von seiner Politik des Dialogs und der Verständigung. Zu seiner Amtszeit 1972 lag die Wahlbeteiligung bei 95 Prozent. Nie zuvor und nie wieder danach war politische Beteiligung in Deutschland derart hoch und das Klima polarisiert wie damals.
Die vorherrschende Tendenz, die heute im Forschungsfeld der politischen Kommunikation identifizierbar ist, beschreibt in der Interaktion von Politik und Medien eine zunehmende Personalisierung und Emotionalisierung. Demnach ist der mediale Auftritt politischer Akteure ungemein entscheidend für die Legitimation elektoral-demokratischen Regierens, zumal unsere Wahrnehmung politischer Themen zu über 95 Prozent über Medien erfolgt, schenkt man einer jüngst erhobenen Emnid-Umfrage Vertrauen.
Am 8. Januar 2008 um 14:05 Uhr
Auch wenn Obama manche Vorwahl gewonnen haben mag und mein persönlicher Wunschkandidat wäre… ich zweifle, ob er am Ende die Kandidatur für die Demokraten übernehmen darf. Denn einen massiven Vorteil hat Hillary Clinton: Ihren Nachnamen. Denn der ist in der breiten, uninformierten Masse mehr Wert, als sein Programm mit dem Kernwort “Wandel”.
Am 8. Januar 2008 um 15:07 Uhr
@erste antwort: ok, dann kann der fall sein, aber ich bezweifle, dass sich die problematischen Fälle, um die es im moment in der allgemeinen Integrationsdiskussion geht, von einem Beispiel wie Mr. Obama, dessen Eltern weitgereiste Bildungsbürger sind, beeindrucken lassen bzw. angetan fühlen. Ich denke, jemand der unter solchen Vorzeichen versucht, die Integrationspolitik voran zu treiben, wird bei den jungen Migranten ähnliche Sympathien besitzen wie Sarkozy bei den Banlieueinwohnern.
Am 9. Januar 2008 um 08:57 Uhr
@Dude: es spricht einiges dafür, dass Hillary Clinton von der Popularität ihres Mannes profitiert. So haben Bill Clintons Wahlkampfauftritte der letzten Tagen mitunter zu einer Kehrtwende geführt. In den Vorwahlen in New Hampshire hat sie sich jedenfalls mit einem knappen Vorsprung vor Obama zurückgemeldet. Das Rennen bei den Demokraten scheint wieder vollkommen offen. Nichts desto trotz bleibt Barack Obama mein persönlicher Favorit aufs Weiße Haus. Spannend wird meiner Meinung vor allem sein Abschneiden in den konservativ geprägten Südstaaten im bible belt.