Gesellschaftssystem DDR = Unrechtssystem?

MfS-Haft- und Untersuchungsanstalt in Berlin-Hohenschönhausen
Diese generelle Schlussfolgerung liegt zumindest nicht selten nahe, wenn Gesamtdeutschland retrospektiv ein weiteres, dunkles Kapitel deutscher Geschichte aufzuarbeiten bemüht ist. Als dunkel bezeichne ich dieses Kapitel insofern, als dass das politische System einer Diktatur gleichkam, weil das Recht auf Freiheit massiv unterminiert wurde und der Staat DDR repressiv auf das Leben seiner Bürger einwirkte. Mitunter auch indirekt, indem sich viele Menschen in die private und innere Emigration begaben und sich, jedweden Konflikt antizipierend, anpassten.
Häufig stellt sich in Diskussionen, so auch heute abend bei Anne Will, die Frage, wie differenziert ein Subsystem wie das der DDR beurteilt werden kann. Letztlich ist dieses Gesellschaftssystem DDR doch die Summe seiner Einzelbiographien. Was scheint also näherzuliegen, als die DDR anhand einzelner Biographien ihrer Bürger zu verstehen.
Filmisch wurde dies bereits hervorragend in Das Leben der Anderen thematisiert, welcher aus Sicht der betroffenen Zeitzeugen, die die perfiden Methoden des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS, “Stasi”) am eigenen Leib erfahren haben, sehr realitätsnah das System von Kontrolle, Willkür und Überwachung fiktional widerspiegelt. Ob dieser von der Stasi praktizierte, realexistente Terror allerdings kongruent für das gesamte soziologische Subsystem DDR zu setzen ist, bleibt indes die zu beantwortende gesellschaftspolitische Frage, die weiterhin einer intensiven Aufklärung und Aufarbeitung bedarf. Letztlich nur so “wächst zusammen, was zusammengehört”.
Insofern wünsche ich mir, dass die Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen (BStU) auch künftig hierzu beitragen kann und die Archive über das Jahr 2019 für die Bürger offen zugänglich bleiben.
Am 1. Oktober 2007 um 11:18 Uhr
Gesetz den Fall, ich finde nach meinem Umzug meine Facharbeit zur Stasi wieder würd ich dir gerne einen Buchtipp zu dem Thema geben(mein Gedächtniss taugt nicht, ich hab vergessen wies hieß); ist ne Biographie, naja ein dünnes Bändchen. Keine Große Literatur, aber durchaus ein Einblick in die Methoden der Staatssicherheit aus der Sicht eines Opfers.
Ansonsten empfehle ich Jedem einen Besuch in Hohenschönhausen, um einfach zu sehen, das Folter nichts ist, was weit weg passiert, sondern auch mitten unter den Menschen sein kann.
Am 1. Oktober 2007 um 14:06 Uhr
Danke für die Literaturempfehlung, sehr gerne. Den bewegenden Besuch der Gedenkstätte in Hohenschönhausen habe ich schon hinter mir und kann mich Deiner Empfehlung nur anschließen. Die Frage, die ich mit diesem Beitrag anstoßen möchte, ist die: wie kann es sein, dass einerseits Menschen scheinbar glücklich und zufrieden in diesem Land lebten, während andererseits ihre Mitbürger kontrolliert, verfolgt und unterdrückt wurden.
Ich meine, wenn ich die Opfer dieses Systems höre und dann wieder die neue Emnid-Umfrage mitbekomme, in der sich 74 Prozent der Ostdeutschen die DDR zurückwünschen, dann frage ich mich, ob die Menschen im selbem realexistierenden Sozialismus gelebt haben.
Ich weiß nur, dass die Geschichte der Opfer mich ungeheuer betroffen macht und diese Realität auch in Zukunft nicht totgeschwiegen werden darf!
Am 4. Oktober 2007 um 23:36 Uhr
Die gleiche Fragen kannst du dir in Hinblick auf die Jahre 1933-45 stellen.
Am 5. Oktober 2007 um 23:14 Uhr
tja, dann scheint es 74 prozent der ‘ostdeutschen’ heute gefühlt schlechter zu gehen als vor zwanzig jahren. auch ein zu bedenkender fakt, denn auch unter denen gab es bespitzelte und sich versteckende. es muss einem schon scheiße gehen, wenn man das wieder haben will. zugespitzt: was ist all die freiheit wert, wenn statt der großen weiten welt und dem ‘goldenen westen’ existenzangst kommt. dann wundert der wunsch nach einer schützenden mauer nicht mehr allzu sehr.
74 prozent ist erschreckend.