Historisches Zeitereignis im Kontext politischer Mediatisierung
Historisch betrachtet ist der 9. November 1989 vor allem der Verdienst einer von Willy Brandt bereits zu seiner Zeit als Regierender Bürgermeister von Westberlin initiierten und später als Außenminister und als Bundeskanzler erfolgreich umgesetzten Entspan- nungs- und Ostpolitik [s. Kommentare].
“Wandel durch Annäherung” lautete die pragmatische Devise, die ihre Bestätigung dann viel früher als erhofft zeitigen sollte. Dass es letztlich im Herbst 1989 so schnell ging, verdanken wir in bemerkenswerter Weise mitunter der Mediatisierung politischer Kommunikation, die letztlich weitreichend via Leitmedium Fernsehen gesellschaftliche Realität beschleunigte. Heute vor 18 Jahren führte die auf einem Versprecher beruhende Äußerung von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski während einer Pressekonferenz in Ostberlin zum sofortigen Fall der Mauer. Nicht selten fiel an diesem Tag wohl eine ähnliche Aussage wie: “Die Grenze ist auf. Die haben es im Fernsehen gesagt“. Mit der Ausstrahlung besagter Pressekonferenz nicht nur in der Tagesschau, sondern vor allem auch in der Nachrichtensendung Die Aktuelle Kamera des DDR-Fernsehens war Schabowskis Äußerung unwiderruflich und führte durch die Medien zu einer Beschleunigung der Ereignisse. Nachdem die “unverzügliche” Ausreise im Fernsehen auf Nachfrage von Journalisten live verkündet worden war, blieb dem SED-Regime und den Grenzern nichts anderes übrig als noch in den späten Abendstunden des 9. November 1989 die Grenze zu öffnen.

Am 9. November 2007 um 10:14 Uhr
Danke fürs Posting, Johannes.
Nur hab ich als angehender Historiker ernste Probleme mit deiner Aussage, dass die Einigung durch die Ostpolitik Brandts eingeleitet wurde. Die einzige reale Veränderung dieser Politik war, dass aus gar keinen Beziehungen schlechte Beziehungen wurden; polemisch formuliert.
Viel wichtiger für diese Entwicklung dürfte die Solidarnosc Bewegung in Polen, die Öffnungspolitik Gorbatchows, der Staatsbankrott der DDR und die allgmeine Unzufriedenheit der DDR-Bürger über die Missstände im eigenen Land sein.
All das trieb die Bürger in Leipzig auf die Straßen und brachten den morschen Staat so sehr ins Wanken, dass Herr Kohl nur seinen Finger ausstrecken musste, um ihn zu Fall zu bringen. Einen größeren Einfluss möchte ich der bundesdeutschen Seite nicht zugestehen. Und erst recht nicht dem Willy, der schon längst nicht mehr über politische Macht verfügte.
Am 9. November 2007 um 20:21 Uhr
Der Schlüssel zur Einheit war die Reisefreiheit. Die Hallsteindoktrin der reaktionären Deutschlandpolitik Adenauers, Erhards und Kiesingers führte mitunter auch zur zwischenmenschlichen Entfremdung zwischen den Deutschen im West- und im Ostteil unseres Landes. Die Wiedervereinigung war für den Rheinländer Adenauer alleine schon aus wahlstrategischen Gesichtspunkten nie ein hervorragendes Ziel. Er fürchtete in diesem Falle, eine sozialdemokratische Mehrheit aufgrund einer potentiellen protestantischen Stammwählerschaft in den Ostgebieten.
Demgegenüber entwickelten indes zu Beginn der 1960er Jahre Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt und sein dortiger Büroleiter Egon Bahr das Konzept der Öffnung und des Dialogs mit dem Osten, der Grenzfestschreibung und der schrittweisen Überwindung des Status Quo ohne eine Aufhebung des selbigen anzustreben, was mit “Wandel durch Annäherung” umschrieben wurde. Durch die “Politik der kleinen Schritte” sollte nach Überzeugung der Deutschlandpolitiker Brandt und Bahr langfristig das Ziel der deutschen Einheit erreicht werden.
Bereits in seiner Tutzinger Rede 1963 ist dem späteren Bundesminister für besondere Aufgaben bewußt: “Heute ist klar, daß die Wiedervereinigung nicht ein einmaliger Akt ist, der durch einen historischen Beschluß an einem historischen Tag auf einer historischen Konferenz ins Werk gesetzt wird, sondern ein Prozeß mit vielen Schritten und vielen Stationen.”
Demnach ist die Reisefreiheit der DDR-Bürger, die als Ergebnis am 9. November 1989 in vollem Umfang möglich wurde, aus historischer Sicht der Schlüssel zur Einheit der Deutschen. Die Ostpolitik und der Dialog mit dem Ostblock machte nicht aus “keinen Beziehungen schlechte Beziehungen”. Sie versuchte vielmehr den erklärten Wunsch aller Deutschen zu verwirklichen, die innerdeutschen Beziehungen auf friedlicher Weise stetig zu verbessern. Hierzu zählen vor allem die Reiseabkommen, die zu maßgeblichen Erleichterungen und zur Entspannung beitrugen. Unvergessen ist auch Willy Brandts Besuch im März 1970 in Erfurt, als ihm tausende DDR-Bürger mit Willy-Willy-Zurufen zujubelten. Eine symbolische Politik, die im Einzelnen konkrete Schritte einer Entwicklung ermöglichte, wie sie ein Jahrzehnt später durch die Politik Lech Walesas und das sowjetische Reformkonzept Glasnost und Perestroika auch im Ostblock realisiert wurde.
Hingegen hat meines Ermessens die
bundeswestdeutsche Seite der politischen Entscheidungsträger im Bonner Kanzleramt in den 1980er Jahren mehr zögerlich als aktiv zur Einheit beigetragen. Es waren die gleichen Kräfte, die den vergeblichen Versuch unternommen hatten, im Sommer 1972 die Regierung Brandt zu stürzen. Die Ostpolitik polarisierte die Deutschen in der BRD. Im November 1972 bekam Willy Brandt eine breite gesellschaftliche Zustimmung zu seiner Dialogpolitik mit den Ostblockstaaten und gewann die vorgezogenen Bundestagswahlen bei einer Wahlbeteiligung von 95 Prozent.Helmut Kohl hingegen war 1989 auf Auslandsreise im Kreml in Gesprächen mit Mikhail Gorbatchev, wie wir heute aus historischen Quellen wissen, bis zu letzt unentschlossen, was die rasche Realisierung der Wiedervereinigung seitens Westdeutschlands anging. Dass die Politik der Kohl-Administration dann die DDR letztendlich zu Fall gebracht hat, kann wohl niemand ernsthaft behaupten. Da spielten Prozesse innerhalb des DDR-Staates die ausschlaggebende Rolle.
Am 9. November 2007 um 20:43 Uhr
“Demnach ist die Reisefreiheit der DDR-Bürger, die als Ergebnis am 9. November 1989 in vollem Umfang möglich wurde, aus historischer Sicht der Schlüssel zur Einheit der Deutschen.”
Ich möchte nur einen richtigen Historiker finden, der bereit ist, diesen Satz wissenschaftlich zu verteidigen.
Am 12. November 2007 um 01:03 Uhr
Mensch Georg, es muss Brandt gewesen sein, denn wenn die Wiedervereinigung kein Verdienst der Kohl-Regierung war, muss sie ein Verdienst der Regierung Brandt sein. Das ist doch in höchstem Maße logisch!
Mich wundert eigentlich nur, dass Brandt nicht auch noch den Zwieback erfunden hat.
Am 12. November 2007 um 01:44 Uhr
„Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat” sagte mal ein vermeintlich großer Feldheer und der letzte Sowjetmachthaber prägte ein Diktum über die Zeit: „Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte”.
Egon Bahr hatte bereits 1963 die Erkenntnis: “Heute ist klar, daß die Wiedervereinigung nicht ein einmaliger Akt ist, der durch einen historischen Beschluß an einem historischen Tag auf einer historischen Konferenz ins Werk gesetzt wird, sondern ein Prozeß mit vielen Schritten und vielen Stationen.”
Im Geschichtsunterricht habe ich gelernt, dass die Ostpolitik den alles entscheidenden Grundstein aus westdeutscher Perspektive für die Wiedervereinigung gelegt hat und eine diametrale Kehrtwende in der westdeutschen Außenpolitik darstellte, die bis 1969 von der Hallsteindoktrin beherrscht wurde. Diese diametrale Kehrtwende vollzog die Regierung Brandt gegen massive Widerstände und Drohungen seitens der CDU/CSU-Opposition in persona Dres. Barzel, Strauß und Kohl. Das eben einer dieser Beteiligten die deutsche Wiedervereinigung anderthalb Jahrzehnte später “vollzog”, betrachten nicht nur Menschen wie ich, die sich sozialdemokratischem Gedankengut verschrieben fühlen, als eine bezeichnende Ironie der bundesdeutschen Geschichte.
Für diese vermeintliche Lebensleistung einer mitunter ja auch die geistig-moralische Wende einleitenden Kanzlerschaft wurde dann letztlich dennoch der Friedensnobelpreis - anders als bei Willy Brandt - versagt. Die Damen und Herren in Oslo haben sich sicherlich im Oktober dieses Jahres etwas dabei gedacht, die Bewerbung von Dr. Helmut Kohl nicht bevorzugt zu behandeln.
Am 12. November 2007 um 15:37 Uhr
Lieber Johannes,
vielleicht wurde das bei euch in Geschichte nicht so korrekt wiedergegeben, deshalb erklär ich das nochmal. Du hast sicher recht, wenn du sagst, dass das Ende der Hallstein-Doktrin einen diametralen Wandel für die deutsche Außenpolitik bedeutete.
1. Die Hallstein Doktrin heißt nichts anderes, als dass es keinen diplomatischen Kontakt mit dem anderen Deutschland geben sollte und damit auch keinen Kontakt zu jedem Staat, der Deutschland anerkennt. Allerdings wurde diese nicht erst von Brandt angezweifelt, sondern BEREITS von Erhard (CDU) zunehmend inkonsequent durchgesetzt. (siehe Portal für Wissen im Internet)
2. Du schreibt, dass die Union gegen die Ostpolitik gewesen ist. Da hast du schon recht. Allerdings verstehst du ihre Gründe dafür falsch. Selbstverständlich wollte auch die Union die Wiedervereinigung. Vielleicht sogar mehr als die Sozialdemokraten. Allerdings steht Ostpolitik eben NICHT NUR für die Anerkennung der DDR. Sondern auch für die Aussöhnung mit vor allem Polen. Doch diese Aussöhnung funktionierte nur, indem die BRD dabei jegliche Ansprüche auf Schlesien, Preußen und Pommern aufgab. Was Willy Brandt ja dann auch höchst mediatisiert, wie du es oben schreibst, in Warschau praktizierte. Folge: Die Union war nicht gegen die Wiedervereinigung, sondern “nur” gegen die Aufgabe der alten Ostländer (und befürchteten das Ende der Politik der Westanbindung). Das kann man heute gut oder schlecht finden. Damals betrachtet - mit den Millionen Flüchtlingen aus den Ostgebieten - kann ich diese Politik nur zu gut verstehen.
3. Johannes, du liegst nicht falsch, wenn du schreibst, dass die Ostpolitik der BRD ein Schritt gewesen ist zur Wiedervereinigung. Nur unterlässt du es sträflichst, all die anderen viel wichtigeren Schritte dahin zu erwähnen. Auch wenn du das vielleicht nicht gewollt hast, kommt das so rüber, als ob du Brandt für den Vater der Wiedervereinigung hältst. Und das ist historisch einfach nicht tragfähig. Überdenk das nochmal.
Fakt ist, dass du definitiv dein Geschichtsbild differenzierter gestalten solltest. Nicht alles was gut erscheint, ist rot mit nem lachenden Willy drauf. Und nicht alles was mies erscheint, ist schwarz und heißt Helmut.
Am 12. November 2007 um 21:32 Uhr
@Georg: Danke für Deine Ausführungen. Ich zitiere jetzt in der Folge zum dritten Mal aus der Tutzinger Rede von Egon Bahr: “Heute ist klar, daß die Wiedervereinigung nicht ein einmaliger Akt ist, der durch einen historischen Beschluß an einem historischen Tag auf einer historischen Konferenz ins Werk gesetzt wird, sondern ein Prozeß mit vielen Schritten und vielen Stationen.”
Ich habe mich im Geschichtskurs, im Leistungskurs Sozialkunde und in der Folge in entsprechenden Seminaren ausführlich mit dem politischen System der Bundesrepublik Deutschland beschäftigt und nehme für mich selbst in Anspruch, eine äußerste differenzierte Argumentation an den Tag zu legen.
Denn gerade in einem so komplexen Themenumfeld greifen wohl keine einfachen Erklärungen, aber dazu noch später. Sich während dieses Prozesses eine eigene Meinung zu bilden und diese in entsprechenden Diskursen auch begründet zu vertreten, war von jeher für mich ein selbsterklärtes Ziel.
zu 3. Die westdeutsche Außenpolitik hat im Hinblick auf die Aussöhnung und Verständigung mit den Ostblockstaaten 1969 nicht nur einen diametralen Richtungswechsel genommen, sondern den kommunikativen Nährboden für eine Entwicklung gelegt, die den “eisernen Vorhang” durchlässiger machte und letztlich den bundesdeutschen Glücksfall des 9. November 1989 ermöglichte. Denn in meinen ganzen Ausführungen habe ich bisher nur die Phase 1950er Jahre bis 09.11.1989 aus westdeutscher Perspektive beleuchtet. Von daher jetzt meine Frage, inwiefern unterlasse ich es “sträflichst, all die anderen viel wichtigeren Schritte dahin zu erwähnen”?
Welche wichtigeren Schritte haben außenpolitische Konzepte der Administrationen Schmidt (SPD!!/FDP 1974-1982) und Kohl (1982-1989) gegenüber der grundlegenden außenpolitischen Strategie der Ostpolitik mit der Leitidee “Wandel durch Annäherung”?
Zu 1. Die Hallsteindoktrin galt bis zu ihrer Aufgabe im Zuge der Ostpolitik Willy Brandts. Sie wurde 1957 gegen Jugoslawien und 1963 gegen Kuba von der Adenauer-Administration sowie 1965 von der Regierung Erhard (insofern Widerspruch zu Deiner Aussage) gegen die arabischen Länder angewandt.
Zu 2. Hier unterlaufen Dir sicherlich argumentativ unabsichtlich eklatante Fehleinschätzungen.
Letzteres hab ich nirgends erwähnt. Das ganzheitliche Konzept der Ostpolitik umfasste selbstverständlich nicht nur den Grundlagenvertrag mit der DDR, sondern auch den Moskauer Vertrag, Prager Vertrag und Warschauer Vertrag, stellt im Übrigen keinen Widerspruch zu meiner Argumentation dar, sondern untermauert diese vielmehr.
Daraus leitest Du die Folge ab, dass die Union
Ich kann diese Politik der Union in den 1970er Jahren überhaupt nicht verstehen und hier solltest Du “definitiv dein Geschichtsbild differenzierter gestalten”. Denn Stalin, Roosevelt und Churchill hatten die sich abzeichnenden Grenzen bereits 1945 auf der Konferenz von Jalta beschlossen. In den 1970er Jahre entsprach es kaum der Realität, erneute Umsiedlungen aus deutscher Sicht verlangen zu können. Das Beanspruchen dieser Gebiete als deutscher Lebensraum im Osten, indem inzwischen Polen respektive Russen übergesiedelt waren, wäre der völkischen Ideologie der Nationalsozialisten gleichgekommen. Die Ostverträge schrieben insofern nur das fest, was der realen Lebenswirklichkeit zu diesem Zeitpunkt entsprach.
Und ich frage mich, welcher Politik- und/oder Geschichtswissenschaftler den zweiten Teil der nachfolgenden These in Bezug auf die Ostpolitik der 1970er Jahre ernsthaft belegen kann:
Am 13. November 2007 um 00:37 Uhr
Tut mir Leid, Johannes. Aber du hast deine Hausaufgaben nicht gemacht. Auch Geschichte und Sozialkunde bewahren einen nicht davor, sich zu irren. Vertrau mir, denn auch ich hatte beide Fächer und hätte nie gedacht, dass ich einmal ausgerechnet für die CDU eine Lanze brechen würde. Und zwar jetzt:
Ganz so einfach war es nicht. Tatsächlich war die endgültige Festlegung der Ostgrenzen eine im In- und Ausland sehr umstrittene Frage. Das siehst du daran, dass sie einen zentralen Punkt im 2+4-Vertrag darstellt. So zentral, dass ein einziger Blick in selbigen Vertrag dir gezeigt hätte, dass die Regelung der betroffenen Gebiete aus gutem Grund schon im allerersten Artikel erfolgt. Ich zitiere:
Also nochmal Klartext: Sogar beim Mauerfall war die Frage der endgültigen deutschen Grenzen alles andere als geklärt. Und in den 70ern sah es auch in der BRD selbst noch ganz anders aus.
Da liegt übrigens auch ein Grund für das (für dich unverständliche) Hadern der CDU. Ich wiederhole Georg und hoffe, du hast ihn diesmal verstanden: Realpolitisch war wohl selbst für die rechte Ecke absehbar, dass die entsprechenden Gebiete “verloren” sind. Aber zugegeben hätte das damals wahrscheinlich niemand, sonst hätte man einflussreiche Stammwähler verprellt. Das mag man der CDU zurecht vorwerfen.
Aber - und hier liegt deine größte Fehleinschätzung - die Regierung Kohl hat sich später trotzdem verdient gemacht. Der von dir unterstellte Automatismus Ostpolitik—>Wiedervereinigung übersieht die immensen “praktischen” Probleme, mit denen Kohl und Genscher konfrontiert wurden, von der enormen Dynamik des Mauerfalls mal ganz abgesehen. Auch die Pläne der vier Siegermächte sahen sehr unterschiedlich aus. Und gerade Genscher bewies hier einiges Verhandlungsgeschick, indem er nicht nur die Meinungen im eigenen Land, sondern auch die der vier Siegermächte, unter einen Hut brachte. Da hilft auch die theoretische Vorarbeit von Brandt nicht weiter, die du in hohen Tönen lobst.
Dass die Regierung Kohl erfolgreich war, mag auch an einer Prise Glück gelegen haben. Und natürlich könnte es sein, dass die SPD die Wiedervereinigung genau so hätte umsetzen können. Aber das ist reine Spekulation deinerseits, denn die SPD saß damals auf der Oppositionsbank. Und ich glaube, da hast du dich gerade hinargumentiert.
Am 13. November 2007 um 01:27 Uhr
1. Johannes. Gerade das du NUR die westdeutsche Sicht “beleuchtest”, vernachlässigt die viel wichtigeren Faktoren, die zur Einigung geführt haben. Ich dachte, das hättest du nach drei Kommentaren inzwischen verstanden.
2. Ich habe nie behauptet, dass Erhard die Doktrin aufgegeben hat. Er hat sie aber allerdings nicht mehr so stringent durchgesetzt wie sein Vorgänger, was sicherlich eine Weiterentwicklung bedeutete.
3. Das “- wie du es oben beschreibst-” war auf deine wunderschöne Überschrift gemünzt, in der du mal wieder dein Lieblingswort Mediatisierung inflationär benutzt.
4. Wo mir da meine “eklatante Fehleinschätzung” unterlaufen sein soll, ist mir absolut unklar.
5. Niemand hat von einem Widerspruch in Bezug auf die Verträge mit den Osteuropäischen Staaten gesprochen. Du hast sie schlicht und einfach nicht erwähnt. Dies ist eine sträfliche Unterlassung, da sie die ablehnende Haltung der CDU ggü. der Ostverträgen erklären. In deiner Argumentation zuvor schien es fast so, als wäre die CDU gegen die Wiedervereingung gewesen.
6. Ich find es immer wieder interessant, dass du in deiner Argumentation ständig Stalin aufführst, ob mit Zitat oder als Grenzenzieher. Ist dir eigentlich klar, dass mit der Konferenz von Jalta zwei Völker - Polen und Deutsche - aus ihrer seit Jahrhunderten angestammten Heimat vertrieben wurden? Kannst du nicht ein bisschen Verständnis aufbringen, dass diese an den Ort ihrer Geburt, ihrer Kindheit, ihres Lebens zurückkehren wollten, der ihnen durch den Expansionswillen zweier machtbesessener Diktatoren genommen wurde? So unrealistisch das einem Saarburger aus dem Jahr 2007 vorkommen mag. Ende der 60er Jahre war die Hoffnung dieser Menschen auf eine Rückkehr noch nicht gestorben. Und daraus erklärt sich auch die Haltung der Adenauer Regierung, die ihre Wähler nicht enttäuschen wollte. Für die “Lebenswirklichkeit” der Menschen - wie du es schreibst - waren die Grenzen noch lange nicht so festgezurrt, wie du denken magst.
6. Geschichte - das sind vor allem Menschen. Keine Verträge, keine Doktrin, keine Konferenzen. Das solltest du in dein Geschichtsbild - gerade als Politikwissenschaftler - mit aufnehmen. Denn sonst redest du letzten Endes - wie in deinem Kommentar - nur an den Menschen vorbei.
Am 13. November 2007 um 12:26 Uhr
Ich kann mich da nur Michael anschließen, der das für dich nochmal in ein politikwissenschaftliches Verständnis mit dem 2+4 Vertrag gebracht hat.
Ich hätte auch nie gedacht, einmal für die Union eine Lanze brechen zu müssen. Und gerade du bringst uns dazu! Sauber geleistete Arbeit am Wähler. Willy wär stolz auf dich.
Am 13. November 2007 um 12:27 Uhr
Vielen Dank für diese unterhaltsame Diskussion. Ein Dank auch an Brächi, der in die Diskussion einbrachte, was ich sonst hier geschrieben hätte.
Vor allem das Verhandeln Hans-Dietrich Genschers darf doch nicht vergessen werden bei dieser Diskussion.
Am 13. November 2007 um 12:39 Uhr
@Georg: zu 1. ich habe immer nur den “Prozeß mit vielen Schritten und vielen Stationen” bis zum 9. November 1989 mit meinen Ausführungen beleuchtet. Dabei habe dieses Ereignis im Kontext einer politischen Entwicklung gesehen, die ihren Ursprung mitunter im Wandel des außenpolitischen Selbstverständnisses der BRD (Stichwort Ostpolitik, mit dem ich keineswegs nur die Verbesserung der innerdeutschen Beziehungen in Verbindung brachte versus Deine Ausführungen zu 5.)
zu 2. ich kann nicht erkennen, inwiefern die Hallsteindoktrin “von Erhard (CDU) zunehmend inkonsequent durchgesetzt” wurde, zumal er sie 1965 gegen die arabischen Länder angewandt hat.
zu 3. ich bin der Meinung, der Begriff Mediatisierung passt ganz gut in Bezug auf das Ereignis des 9. Novembers 1989. Wenn Du dort Kritik siehst, können wir gerne über den maßgeblichen Part meines Eingangspostings kontrovers diskutieren.
zu 4. Als “eklatante Fehleinschätzungen” bezeichne ich Deine nachfolgenden Äußerungen in Bezug auf die ehemaligen Ostgebiete des Deutschen Reiches :
zu 5. Die “Entspannungs- und Ostpolitik” wie im Eingangsstatement erwähnt ist meines Ermessens eine feststehende außenpolitische Konzeption, deren Bedeutung ich nirgends auf die innerdeutschen Beziehungen reduziert habe.
zu 6. Hier argumentierst Du unredlich:
Ich zitiere NIRGENDS Stalin, führe ihn und seine menschenverachtende Politik in meiner Argumentation auch nicht aus. Lediglich im Zusammenhang der Jalta-Konferenz nenne ich ihn als einen der drei Verhandlungsführer neben Roosevelt und Churchill. Die Folgen der Konferenz von Jalta sind mir durchaus bewußt. Ich bedauere die willkürliche Entscheidung der Siegermächte schon im Vorfeld von Jalta anlässlich der Teheran-Konferenz 1943. Die Vertreibung der Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten war ein völkerrechtliches Verbrechen. Letzteres wie die Kriegsgräuel des Hitlerfaschismus sind der menschenverachtenden Politik und dem “Expansionswillen zweier machtbesessener Diktatoren” geschuldet. Da gibt es keinen Widerspruch zu Deiner und meiner Geschichtsauffassung. Nur kommt der Unterschied zwischen dem Geschichts- und daraus resultierendem Politikverständnis von uns beiden: Politik hat eine besondere Verantwortung gegenüber den Menschen. Dennoch ist es schlichtweg falsch, die Menschen in einer falschen Hoffnung zu bestärken. Die ehemaligen deutschen Ostgebiete waren mit Ende des zweiten Weltkrieges für Deutschland verloren. Wie hätte denn eine Rückkehr der Vertriebenen dorthin aussehen sollen? Beispielsweise durch abermalige Vertreibungen der ebenfalls in ihrer Heimat vertriebenen Polen? Dass konnte doch niemand 1970 mehr ernsthaft in Erwägung ziehen, Georg! Und hier komme ich zum nächsten Punkt, den ich der Gesinnungshaltung der Union vorwerfe. Es war einfach unglaubwürdig, überzogene Ängste der Vertriebenen aufgrund der Ostpolitik im Hinblick auf die Westanbindung der BRD zu schüren.
Günter Grass, Vertriebener aus Danzig, sagte im Dezember 1970 nach der Unterzeichung des Warschauer Vertrages:
“Ich hoffe, dass man auch in Deutschland genau wie man hier in Polen beobachten kann, begreift, dass hier nicht auf etwas verzichtet wird, sondern dass Brandt den notwendigen Schritt getan hat und einen Anfang gesetzt hat. Sehen Sie, ich bin unmittelbar betroffen - ich komme ja aus Danzig - ich weiss, was das bedeutet: Verlust der Heimat. Ich hatte diesen Verzicht für mich schon gleich nach Kriegsende getroffen, aber jetzt bin ich auf eine betroffene Art doch dankbar, dass es auch endlich zum Vertrag gekommen ist und dass für die junge Generation - ich denke auch an meine Kinder - die Belastungen der Kriegszeit aufhören.” [Quelle: UFA 751, 15.12.1970]
@Michael:
Das ist doch der alles entscheidende Punkt. Hier hat also die Ostpolitik demnach auf Grundlage des Status quo operiert und Grenzen lediglich anerkannt. Dass die Oder-Neiße-Linie als Ostgrenze letztlich erst im 2+4-Vertrag festgeschrieben wurde, ist mir sehr wohl bekannt. Allerdings betone ich hier nochmal, meine Ausführungen in Bezug auf die Ostpolitik beleuchten den Zeitraum der 1950er Jahre bis zum 09.11.1989. Von daher kein Widerspruch meinerseits zum 2+4-Vertrag und den beteiligten Akteuren.
Am 13. November 2007 um 12:59 Uhr
Das nur zur Ergänzung zum Thema, wo du mich anscheinend immer noch nicht verstanden hast!
1. Das ist mir inzwischen egal. Nochmal erklär ichs nicht.
2. ERHARD HAT HALLSTEIN NOCH ANGEWENDET! ABER NICHT MEHR KONSEQUENT! UND MEHR HAB ICH NIE BEHAUPTET!
Verweis: Handelsvertretung in Rumänien.
4. Weiß immer noch nicht, wo da meine Fehleinschätzung liegt. Du kannst es mir anscheinend nicht sagen, sondern nur meine Zitate rauspfeffern. Das ist ja geradeso wie “Autobahn geht nicht”!
5. Du hast sie aber auch nicht erweitert. Und das kritisier ich. Alles klar?
6. Stimmt. Bei Stalin hab ich mich verlesen. Aber so unrealistisch, wie du die Rückgewinnung der ehemaligen Ostgebiete beschreibst, war das für die damaligen Menschen nicht. Die Geschichte hat oft genug bewiesen, dass solche Umsiedlungsaktionen recht schnell von der Hand gehen. Leider. Du kannst die Union für die Unterstützung der Vertriebenen meinetwegen gern kritisieren. Ich tu das auch. Nur wollte ich dir begreiflich machen, dass die CDU deshalb gegen die Ostverträge war. Und nicht gegen eine Wiedervereinigung, wie du es in deinem Beitrag offen lässt.
Am 4. Dezember 2007 um 14:16 Uhr
Der Tenor meines scheinbar polarisierenden Randpostings zur Korrelation einer gesellschaftliche Realität prägenden Politik des Wandels durch Annäherung mit der Öffnung der innerdeutschen Grenze am 9. November 1989 bleibt, dass der “Dialog durch die Mauer” nicht nur erst durch Willy Brandts Ostpolitik ermöglicht wurde, sondern vielmehr kontinuierlich in den 1980er Jahren maßgeblich seitens der Sozialdemokratie geführt wurde und die innerdeutsche Diskursagenda wegweisend prägte.
Es ging dabei um die Ost-West-Sicherheitsfragen und die ideologischen Grundlagen der beiden Systeme. In der Rückschau räumen Historiker insbesondere dem SPD/SED-Dialogpapier (1987) eine nicht unbeträchtliche Wirkung ein. Auch hier war es wieder Willy Brandt, der das Gespräch mit der SED-Führung suchte.
(Quelle: Reißig, Rolf: Der SPD/SED-Dialog und seine Folgen, S. 5)
So bezeichnet der ehemalige SED-Verhandlungsführer Rolf Reißig heute - zwanzige Jahre später - das gemeinsame Positionspapier als Katalysator des demokratischen Umbruchs in der DDR. Auch der Bürgerrechtler Stephan Bickhardt unterstreicht den zielsetzenden Charakter des SPD/SED-Dialogpapiers. So seien viele oppositionelle Kreise in der DDR dankbar gewesen für die darin formulierten Positionen und Grundsätze, weil sie sich darauf berufen konnten.