Kuckucksreisen unter drei: Berlin im Sommer - ein medi(en)terranes Märchen

Berlin-Mitte

[Photo: Johannes Pütz] - Klick vergrößert!!!

    Das Mediensystem Schröder im Raumschiff Berliner Republik

Er sitzt in sich ruhend am Tisch, spricht mindestens so elaboriert wie im Fernsehen und scheint in nahezu jedem Augenblick des Gesprächs präsent. Selten hat jemand meine Aufmerksamkeit derart gefesselt. Selten habe ich denn auch jemand derart konzentriert zugehört, was politische Positionen, Argumente und Sachverhalte betrifft. Um eine Antwort auf jedwede Frage scheint er, der gebürtige Braunschweiger, jedenfalls nicht verlegen. Erst einen Tag später in der Bundespressekonferenz wird er den anwesenden Journalisten drei Fragen lang konkrete Antworten schuldig bleiben.

Am Abend auf dem 9. Hoffest der SPD-Bundestagsfraktion stellt er mich einer Reihe von Hauptstadtjournalisten vor, die ich bisher lediglich aus dem Presseclub kannte. Der Niedersachse wirkt auf Anhieb sympathisch. In mehreren Gesprächen lerne ich seine Art, einerseits komplexe Sachverhalte prägnant und verständlich darzustellen, diese andererseits fundiert einzuordnen und zu bewerten, besonders schätzen. Die Rede ist von Dr. Thomas Steg, stellvertretender Sprecher der Bundesregierung, zuständig für Regierungskommunikation.

Thomas Steg

[Photo: Jonas Bothe]

In der öffentlichen Ringvorlesung “Medien/Demokratie - Politik und Journalismus in Berlin” am Otto-Suhr-Institut (OSI) verweist der 48jährige promovierte Sozialwissenschaftler in seinem Vortrag “Regierungskommunikation - Politikvermittlung zwischen Information und Marketing” im Juni 2008 »auf die lange Tradition der Regierungs -PR, die nicht wie vielfach angenommen ein Exportprodukt aus den USA sei, sondern eine lange deutsche Tradition.«
Als Beispiel einer gelungenen Verknüpfung zwischen Politik und Medien gilt Steg der Kniefall Willy Brandts in Warschau. Steg, der eigenen Angaben zufolge bereits seit zwanzig Jahren eng mit Gerd Schröder befreundet ist, gehörte als Ghostwriter schon zu dessen Oppositionszeiten in Niedersachsen zum engeren Beraterumfeld (in diesem Kontext sei nochmal an Schröders ebenso legendären Fernsehauftritt als Überraschungsgast in “Was nun, Herr Geißler” am 23.6.89 erinnert). So mag es kaum verwundern, dass Schröder Steg 1998 nach seinem Wahlsieg im Bund erst als stellvertretenden Leiter des Kanzlerbüros ins Bundeskanzleramt holte, bevor Steg 2002 stellvertretender Regierungssprecher und 2005 zudem stellvertretender Leiter des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung wurde.

    Medien und Politik in Berlin - Praxisorientiertes Medienseminar

Angies Klingelschild

Angies Klingelschild - Klick vergrößert!!!

Mit dem theoretischen Rüstzeug der Politischen Kommunikation konnte ich mich bereits in diversen Veranstaltungen des Politologen Prof. Dr. Uwe Jun sowie der Dozenten der Medienwissenschaft vertraut machen. Während eines einwöchigen Seminars der Abteilung Studienförderung der Friedrich-Ebert-Stiftung ergibt sich nun die Gelegenheit mit zentralen Akteuren des Politik- und Medienbetriebs über das Zusammenspiel von Medien und Politik zu diskutieren. Bei Redaktions- und Studiobesuchen bei Hörfunk und Fernsehen blicke ich hinter die Kulissen. Neben Thomas Steg treffe ich unter anderem Tissy Bruns (Leiterin Parlamentsredaktion Der Tagesspiegel), Martin Bialecki (Leiter Hauptstadtbüro dpa), Friedrich Schmidt (stv. Leiter Politik Hauptstadtstudio Deutsche Welle), Rolf Kleine (Leiter Hauptstadtbüro BILD), Dr. Gerhard Hofmann (ehemaliger Chefreporter RTL), Dr. Wolfgang Thierse (Vizepräsident des Deutschen Bundestages), Karin Nink (stv. SPD-Vorstandssprecherin) sowie Marion Uhrig (ehemalige SPD-Sprecherin, Medientrainerin / Public Relations / Public Affairs).

Hintergrundgespräche

Der “politisch-publizistische Komplex” (Schwennicke) ist mir nie präsenter als während dieser Woche.
Ich treffe bis zu vier Gesprächspartner am Tag.
Während manche richtiggehend aus dem Nähkästchen plaudern, alles unter drei versteht sich, erfahre ich im Willy-Brandt-Haus selbst auf Nachfrage nicht, ob der amtierende Parteivorsitzende Kurt Beck Medienberater hat.

Marion Uhrig (links im Bild)

    Hintergrundgespräche aller Art in Berliner Hinterzimmern

Als mediale Einstimmung in die Thematik werden zwei Filme präsentiert: “Strippenzieher und Hintermänner” von Thomas Leif und Julia Salden, SWR/NDR 2006 und “Im Rausch der Macht - süße Droge Politik“, WDR 2004. In ersterem wird das Verhältnis von Journalisten und Politikern thematisiert. Von Hinterzimmern ist die Rede. Die Gelbe Karte oder das Rote Tuch. Die hochkarätigen Hauptstadtjournalisten sind in dieses Netzwerk eingebunden und beziehen ihre Hintergrundinformationen über die politische Medienrealität in der Berliner Republik aus den fern der Kaffeehausöffentlichkeit stattfindenden Gesprächen. Die Gefahr, die bei dieser engen Verflechtung zwischen Politikern und Journalisten besteht, ist jene Distanz zu verlieren, die gerade im hektischen Berliner Medienzirkus, eine Welt mit eigenen Spielregeln und Logiken, für einen politischen Journalisten unabdingbar scheint. Zugespitzt ausgedrückt: wer das Hinterzimmer betritt, hat die Grenze bereits überschritten. Wer es jedoch erst gar nicht betritt, spielt in der Berliner Mediendemokratie keine Rolle. Der politisch-publizistische Tango auf dem schmalen Grat des eigenen journalistischen Selbstverständnisses. Oder wie Tissy Bruns es pointiert zuspitzt: “Wer der Welt nichts mitzuteilen hat, braucht auch nicht Journalist zu werden“. Ein Selbstverständnis, das ich im übrigen durchaus teile. ;-)

Oberbaumbrücke und Universal Music, beleuchtet, aufgenommen vom Watergate

Universal Music, von der Spreeterrasse des Watergate [Photo: HSBengl]

Während Hauptstadtjournalisten ihre Freizeit in der Gelben Karte oder im Roten Tuch zubringen, habe ich einen Tisch im Rodeo bestellt. The place to be jenseits des politischen Berlin-Mitte. Das Rodeo im alten Postfuhramt ist Restaurant, Bar, Club und Hinterzimmerlounge in einem - mit wechselndem Szenario versteht sich. Erst schnabulieren, dann gemütlich an der Bar einen Cocktail schlürfen, bevor ab Mitternacht die Tanzfläche im prunkvollen Kuppelsalon mit tanzbaren Beats freigegeben wird.

Rodeo

Rodeo in Berlin-Mitte [Photo: Jo Pütz] - Klick vergrößert!!!

Der Salon ist rondellartig mit chilligen Sofas an den Außenflächen angelegt. Auf diesen Sofas bannen sich die Hintergrundgespräche der etwas anderen Art an. Die Berliner kommen wie immer schnell zur Sache. Blicke werden ausgetauscht, es wird geflirtet, es geht auf die Tanzfläche und wenn die Atmosphäre stimmt, ist der Weg ins Hinterzimmer angebahnt. Je später der Abend um so extravaganter die Gäste. Manche Frauen tragen im zwanziger Jahre Look schwarze Hüte, weiße Seidenhandschuhe und BH-freie durchsichtige Tops. Der neue feminine Hauptstadttrend, wie mir scheint. Jedesfalls habe ich Gleiches einige Tage zuvor auf der Spreeterrasse im Watergate erlebt. Im Rodeo trifft sich die paarungswillige Berliner Studentenschaft zwischen zwanzig und dreißig. Es ist - anders als Watergate, Weekend, Spindler & Klatt und die Panoramabar - bisher noch in keinem der großen Stadtmagazine verzeichnet und gilt als einer der letzten Insidertipps, was dionysische Berliner Nächte angeht.

    Wenn ich nicht in Mitte bin, bin ich in Treptow auf dem Badedeck

Badeschiff Arena Berlin

[Photo: Arena Berlin]

Um mich nicht ganz vom Politik- und Medienbetrieb im “Raumschiff Berlin” berauschen und benebeln zu lassen, welcher in einer Podiumsdiskussion als “schnell, bunt, geschwätzig und manipulativ” bezeichnet wird, suche und finde ich immer wieder Momente der Ruhe und contemplatio. Schliesslich sind die journalistischen Akteure in der “Republik der Wichtigtuer” (Tissy Bruns) auch nicht mehr und minder als “Randfiguren der holzverarbeitenden Industrie” wie Willy Brandt, selbst Angehöriger dieser Zunft, sie einmal smartsarkarstisch karikierte. Sieben S-Bahnstationen fahre ich gen Osten in den Treptower Park, eine Oase der Ruhe.

Russisches Ehrenmal im Treptower Park

Russisches Ehrenmal [Photo: Jo Pütz] - Klick vergrößert!!!

Den Treptower Park wollte ich mir instinktiv bereits im Februar anschauen, als ich mit Freunden auf dem Rückweg zum Flughafen Schönefeld unterwegs war. Leider konnte ich die anderen nicht von meinem Vorschlag begeistern. Sie haben etwas Monumentales verpasst, was ich mir jetzt glücklicherweise angeschaut habe.

    »Wenn Sie das größte und aberwitzigste Monument sehen wollen, das der Vergangenheit jemals in Berlin gebaut wurde, müssen Sie in den Treptower Park fahren und das Ehrenmal für die Rote Armee besuchen - ein gigantisches Denkmal des sowjetischen Mutter- und Heldenkults, das mit seinen Schwertern und Öffnungen zu zahlreichen freudianischen Spekulationen anregt. Die meisten Berliner wissen nicht, dass es existiert, und die meisten Touristen finden nie dort hin.«

schreiben Anja Jahn und Lucy Jones mit dem etwas anderen Blick auf Berlin in ihrem Band “Das ist Berlin”, den mir eine gute Freundin zum Geburtstag geschenkt hat und der mir inzwischen ein treuer Begleiter geworden ist. Eine Stelle gefällt mir besonders gut. Ich habe sie endlich beherzigt, nachdem ich während früherer Reisen immer rastlos war:

    »Vor dem Überangebot dieser Stadt muss jeder kapitulieren. Später erst übt man sich in der Kunst des Nichtstuns, und es kann sich zum schönsten Zeitvertreib entwickeln, die Stadt mit ihrer Rastlosigkeit allein zu lassen.« :-)

Neben diesem Wunsch, mir das russische Ehrenmal für die Rote Armee anzuschauen, habe ich mir einen weiteren erfüllt: einen Tag mit dem Rad quer durch Berlin. Ein Traum! Entspannung pur.

Badeschiff Sommer Arena Berlin

[Photo: Arena Berlin]

So verbringe ich meine freien Nachmittage und Abende an der Spree in der Arena Berlin. Dort auf dem Badeschiff, einem alten mit Schwimmfolie verkleideten, in der Spree liegenden Tanker kühle ich mich von der Hitze ab, liege lesend oder Musik hörend in der Hängematte und geniesse die Ruhe jenseits des hektischen Trubels im hippen Berlin-Mitte. Ich drehe meine Bahnen im Wasser und erfreue mich eines phantastischen Ausblicks auf die Oberbaumbrücke über die Spree. Meine Nachbarin spielt mit ihrer Begleitung Backgammon. Auf dem Liegebett unmittelbar am Wasser bräunen sich zwei Sonnenanbeterinnen. Sich unbekleidet zu zeigen, gehört hier fast schon zum entspannten Ton und Körpergefühl. So mag es auch kaum verwundern, dass es keinerlei Umkleidekabinen auf dem Badedeck gibt. Die Berliner sind keineswegs prüde und haben ein natürliches Körperbewusstsein.

Badeschiff Sommer Treptow

[Photo: Arena Berlin]

Bei allen Vermutungen, dass es gesund sein könnte: Schwimmen - mit Sport hatte es in der Vergangenheit nie zu tun, vielmehr mit Clownerie. Meine Ankündigungen: “Packt die Badeklamotten ein!” oder “Ich geh’ jetzt schwimmen” kam meiner Umgebung immer wie die Ankündigung eines Bubenstreichs vor. Er fand nicht statt, der Streich (manchmal hatte sich aber auch einfach das Wetter gegen mich verschworen - z.B. vergangenen Sommer am Schlachtensee) - oder selten -, aber ich kriege jedes Mal aufs Neue mein Lausbubengesicht dabei. Kindheitserinnungen an die geliebte Oma, die mich Lausbub und liebevoll Goldklümpchen nannte. Das Bekannte: ein Gefühl der Geborgenheit, des bedingungslosen Angenommenseins. Das Fremde: Schwimmen ist das andere, Berlin ist das andere und die Ostsee. Vor nicht allzu langer Zeit fiel mir ein dazu passendes Zitat in die Hände:

    »Es ist nicht das Unbekannte, vor dem wir Angst haben müssen, es ist das Bekannte, das wir fürchten sollten. Das Bekannte, das sind die rigiden Muster unserer vergangenen Konditionierung. Sie halten uns in den gleichen rigiden Verhaltensmustern gefangen.
    Wenn wir aber in jedem Augenblick unseres Lebens in das Unbekannte treten können, dann sind wir frei. Und das Unbekannte, das ist das Feld unendlicher Möglichkeiten, das Feld reinen Potentials, das, was wir wirklich sind.«

Anders gesagt, es ist gar nicht so wichtig, welchen Weg ich gehe. Wenn ich bei mir bin, gehe ich geruhsamen Schrittes den für mich richtigen. Eine Mischung aus geistiger Entspannung und körperlicher Anspannung entdecke ich für mich bei einem einstündigen Beach- Yogakurs morgens um 9 Uhr auf dem Badeschiff in entspannter Atmosphäre. Die Trainerin Susen Pijur verspricht zu Beginn, dass ich nach fünfzig Minuten in einer anschliessenden fünfminütigen Ruhephase an gar nichts denken werde. Eine Traumvorstellung! Vor dieser Ruhephase mache ich noch eine Rückenschule und werde fünf Minuten von Susen massiert. Und welches Wunder: in der Ruhephase denke ich tatsächlich über drei Minuten an nichts. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl der Entspannung für einen Denker wie mich. Diesen Yogakurs kann ich somit nur empfehlen. Susen Pijur hat nicht nur goldene Hände, sondern kann darüber hinaus ihre Techniken fabelhaft weitervermitteln. Eine Stunde Entspannung für 6 Euro ist zudem ein wirklich gutes Angebot.

Volkspark Friedrichshain

Volkspark Friedrichshain [Photo: Jo Pütz] - Klick vergrößert!!!

Das mit Abstand schönste EM-Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft in der Begegnung mit Portugal schaue ich zusammen mit Uwe Jun in Charlottenburg. Die EM ist also auch nicht spurlos an einem notorischen Fußballverweigerer wie mir vorübergegangen. Es ist ein besonderes Vergnügen mit Uwe Jun dieses Spiel zu schauen, der selbst einmal aktiv bei Eintracht Braunschweig gespielt hat. Ein Abend, den ich noch lange in Erinnerung behalten werde… wie diesen Berlinaufenthalt als solchen insgesamt. Meine Erwartungen, die ohnehin schon nicht niedrig angesiedelt sind, werden in vielerlei Hinsicht erfüllt und gelegentlich sogar übertroffen. Und das obwohl ich Trier gesundheitlich angeschlagen und intenso deprimiert verlassen habe (an dieser Stelle Küsschen an Dascha, die mich aufgebaut hat :) ). Kaum in Schönefeld gelandet, hat sich meine Welt urplötzlich aufgehellt. Berlin im Sommer: es ist ein mediterranes Märchen. Fortsetzung folgt ab Montag, 7. Juli mit der FES-Sommeruniversität. Dann bin ich schon wieder da… und wie es ausschaut, bleibe ich gerne auch ein paar Tage länger, zumal das Semester in Trier dieser Tage für mich zu Ende geht. Einen Rückflug habe ich jedenfalls ganz bewusst erstmal nicht gebucht. :)

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