Medienkritik: Integrationsbeitrag im ZDF
Dieser Beitrag des heute-journals, der am Montag im Rahmen des Themenschwerpunkts Integration: Leben in der Wohngemeinschaft Deutschland gesendet wurde, stellt meiner Meinung nach mehr ungeklärte Fragen in den Raum als dem Zuschauer mögliche Antworten zu offerieren. Alleine schon aus diesem Grunde bedürfte es einer eingehenden Medienanalyse des Beitrages. Vor allem kontextuales Wissen und journalistische Einordnung kommen hierbei deutlich zu kurz bzw. fehlen schlichtweg. Ich beschränke mich im Folgenden jedoch bewusst auf den Aspekt der “Sharia als guten Rechtsordnung”,
als solche sie von einer der beiden jungen Muslime im Beitrag auch explizit dargestellt wird, und damit verbunden auf die zentrale Frage, die sich mir manifest schon während der ersten Rezeption im Fernsehen stellte: inwieweit sind Sharia und Grundgesetz miteinander vereinbar, wenn scheinbar integrierte Muslime in Deutschland für eine interreligiöse Koexistenz auf der Grundlage der Sharia im öffentlichen Leben plädieren?
Die Sharia postuliert die Einheit zwischen Staat und Religion. Dies birgt die latente Gefahr des Fundamentalismus. Es ergibt sich folglich weder de jure noch de facto eine Trennung zwischen Staat und Religion und somit ergo keine Religionsfreiheit. Religionsfreiheit ist wiederum in unserem Grundgesetz garantiert. Eine wie auch immer geartete Staatsreligion lehnt unsere Gesellschaft aufgrund gewachsener humanistischer Werte strikt ab. Demnach ist die Sharia schwerlich mit den verbrieften Rechten unserer Verfassung vereinbar. So stellt auch die junge Muslime im Beitrag falsch dar, die Sharia schreibe fest, dass das Grundgesetz für in Deutschland lebende Muslime als verbindliche Rechtsordnung gelte. Vielmehr findet sich in der islamischen Charta, vom Zentralrat der Muslime in Deutschland 2002 verabschiedet, ein entsprechender Passus. Dort steht: “Das islamische Recht verpflichtet Muslime in der Diaspora, sich grundsätzlich an die lokale Rechtsordnung zu halten.” [Hervorhebungen hinzugefügt]. Und wenn die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime vom Grundsatz abweicht? Dann führt dies schlechterdings zu einem etwaig vorprogrammierten Interessenkonflikt, nämlich der Unterwerfung des Grundgesetzes unter die göttliche Rechtsordnung der Sharia. Letztlich ist aber in unserem Staate Religion Privatsache. Und das ist auch gut so. Einigendes Band unserer Gesellschaft ist eine gemeinsame Kultur von Werten, die verfassungsrechtlich tradiert und festgeschrieben ist. Zu diesen Rechten und Pflichten unserer Gesellschaftsordnung bekennen wir uns. Sie konstituieren ein nicht hoch genug einzuschätzendes Gut: die Menschenwürde. Meines Ermessens leben Menschen in unserem Land dort integriert, wo sie die Kultur der humanistischen Werte teilen und diese aus freier Überzeugung internalisiert haben. Dies kann und wird für die Zukunft aber nur gelingen können, wenn Religion weiterhin Privatsache bleibt und jenseits der Sharia praktiziert wird. Ein öffentliches Bekenntnis zur Sharia wie im vermeintlichen Integrationsbeitrag des ZDF geht meines Ermessens mit einer wehrhaften Demokratie nicht konform, deren Zielsetzung darauf ausgerichtet ist, Integration - statt Assimilation der Lebensverhältnisse - im Sinne der Menschenwürde zu fördern und Freiheit des Einzelnen zu garantieren. Ansonsten bewirkt aus meiner Sichtweise eine im Sinne der Integration falsch verstandene Toleranz das Gegenteil von dem, was wir eigentlich erreichen wollen: friedliches Zusammenleben in gegenseitigem Respekt.
Am 7. November 2007 um 16:00 Uhr
[…] Einschätzung dazu findet Ihr hier. […]
Am 7. November 2007 um 18:44 Uhr
Ich denke, dass der gesamte Beitrag und die Aussage der Studentin(nen) das Ziel hatte derr Bevölkerung zu zeigen, dass außländische Mitbewohner sehr wohl in unsere Gesellschaft integrierbar sind. Das Problem der Sharia würde ich nicht so an die große Glocke hängen, denn noch gilt unser Grundgesetz und wie oben zitiert haben sich die Muslime daran zu halten und die Sharia unterzuordnen. Der “Glaube” an die Sharia ist somit faktisch ein Teil des muslimischen Glaubens und damit Teil der Religionsfreiheit. Was das in der Praxis heißt, wird in Zukunft zu sehen sein…
Am 7. November 2007 um 20:40 Uhr
Ich finde wenn Muslime nach Deutschland kommen müßen sie sich dem Grundgesetz beugen. Da ist die Religion an zweiter Stelle, ganz klar. Wer das nicht akzeptieren kann, der sollte sich nicht für Deutschland als Wohnsitz entscheiden. Das Gesetz macht Deutschland aus, nicht die Religion.
Am 8. November 2007 um 01:15 Uhr
Um es nochmal auf den Punkt zu bringen: Was mich an dem Beitrag besonders stört, ist die fahrlässige journalistische Einbettung mit Kommentarsätzen wie: “es geht um deutsche Grundrechte wie Freiheit und Gleichheit; für die Beiden [Studentinnen] nicht immer ein Gegensatz zum Islam” [Hervorhebungen hinzugefügt] oder noch signifikanter der Schlusssatz des Beitrages: “Auch die Sharia, das islamische Recht, bestimmt ihr Leben. Trotzdem gehören sie zu Deutschlands Nachwuchselite und darauf sind sie stolz, solange ihre Sicht des Islams in Deutschland toleriert wird.” Meines Ermessens, und da muss ich Dominik ausdrücklich beipflichten und Dir vehement widersprechen, Moby, dürfen wir ein öffentliches Bekenntnis zur Sharia nicht hinnehmen. Dies hat nichts mehr mit Toleranz, Religionsfreiheit und Integration zu tun, sondern ist eine Laissez-faire-Haltung, die für die Zukunft fatale Auswirkungen mit kaum absehbaren Konsequenzen auf unser aller friedliches Zusammenleben haben wird. Hier stehen gerade Linksintellektuelle in der Bundesrepublik in der Pflicht, einen klaren Standpunkt in der eingangs des Beitrags formulierten Frage zu beziehen. Eine libertäre Gesinnungshaltung im Sinne einer Gefälligkeitsintegration geht zulasten unserer Demokratie und damit der in Artikel 1 Grundgesetz verbrieften Menschenwürde.
Am 8. November 2007 um 14:13 Uhr
@ Jowinal: Hier gäbe es einen weiteren Punkt zu diskutieren: In wieweit bestimmt wirklich unser Grundgesetz das demokratische Handeln in Deutschland, oder hat nicht doch die Religion einiges an Einfluss? Ich denke hier angefangen von der frühkindlichen Erziehung mit christlichen Werten in kirchlischen Kindergärten bis zu Parteien im politischen System, die das Präfix “Christlich” immer noch verwenden.
Am 8. November 2007 um 14:47 Uhr
Das ist durchaus diskussionswürdig, wie ich finde. Ein Kruzifix hat meines Ermessens in einer staatlichen Institution keinen Platz. D’accord. Und eines Wertediskurses bedarf es insbesondere im Hinblick auf demokratisches Handeln. Und auf das C haben die vermeintlich bürgerlich-konservativen Kräfte dieser Republik ebenso keinen Monopolanspruch. Insofern durchaus Konsens, Moby.