Gedichteturnus XV: Berlin am Meer

«Berlin am Meer», das hat sich bereits 1927 Theobald Tiger alias Kurt Tucholsky gewünscht. Der Schriftsteller hätte am liebsten auf der einen Seite seiner Wohnung die Friedrichstraße gehabt und auf der anderen die Ostsee. Ideal und Wirklichkeit klaffen indes bisweilen in einer Diskrepanz unseres beschaulichen L(i)ebens auseinander, als dass blanke Frustation einer um sich greifenden Melancholie Raum beimisst; ja wäre da nicht die ungeheure Vorfreude und Hoffnung auf eine gewisse Stimmung, den viel beschworenen Flow des Glücks, welche Du mit Orten verbindest, an denen sich Deine Träume realiter abspielen: «Det is Berlin – janz schön crazy». Jeden Sommer mit Beginn der Semesterferien zieht es mich aufs Neue dorthin. Erst ausspannen an der Ostsee und dann ins vermeintlich hektische Hauptstadtleben. Die Sehnsucht sich selbst unmittelbar am Puls der Zeit zu spüren, an den Schlachtensee mit der S-Bahn zum Sonnenbaden raus zu fahren, die Karl-Marx-Allee entlang zu spazieren und in eine schier unerschöpfliche kulturelle Bandbreite zwischen Berliner Ensemble und Partyszene am Spreestrand einzutauchen. Nirgends ist dieses Lebensgefühl für mich präsenter als mittendrin in dieser Subkultur. Auch jetzt im Winter geht von ihr ein besonders faszinierender Reiz aus.

Berlin im Winter

Klick vergrößert! [via flickr]

Das Ideal

    Ja, das möchste:

Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer, – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –,
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.


Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

    Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.

    Tröste dich

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:

    das ist selten.

Theobald Tiger
Berliner Illustrirte Zeitung, 31.07.1927, Nr. 31, S. 1256.

3 Reaktionen zu “Gedichteturnus XV: Berlin am Meer”

  1. Fabia

    Ja das ist in der Tat wirklich selten, dass man alles hat… wirklich schönes Gedicht.

  2. » Blog Archiv » Kuckucksreisen unter drei: Berlin im Sommer - ein medi(en)terranes Märchen

    […] geworden ist. Eine Stelle gefällt mir besonders gut. Ich habe sie endlich beherzigt, nachdem ich während früher Reisen immer rastlos war: “Vor dem Überangebot dieser Stadt muss jeder kapitulieren. Später erst übt man sich […]

  3. Jessie

    barack obama alias…

    I cannot agree on everything you say in this article, but perhaps I missed some of the points you were trying to make….

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